Griechenland

MISTER SPECIAL

Ich würde ehrlich gesagt nicht so schnell auf die Idee kommen, jemanden der nach Griechenland in die Ferien fährt, zu fragen, er soll doch drüber auf seinem Weblog berichten. Es wird sich wohl eh von Stränden, weissen Häuschen mit türkisen Fensterrähmen und einem Haufen Fetakäse handeln. Also kann ich mir gut vorstellen, dass ihr diesmal weniger wilde Erwartungen habt, als da wir durch Pakistan gefahren sind. Aber, auch zu unserer eigenen Überraschung, war noch nicht Schluss mit den Abenteuern! Obschon sie diesmal etwas anders waren als bis jetzt auf unserer Reise.

Allererst der Rückblick: wir haben soeben entdeckt, dass wir 4 Wochen in diesem Land verbracht haben. Das hatten wir da aber gar nicht gemerkt, denn unsere Zeit in Griechenland ging gefühlsmässig sehr schnell und etwas irreal vorbei.

Wir waren anfangs ein paar Tage auf einem Campingplatz bei Alexandroupolis (in der Nähe der Türkischen Grenze) und haben da seit Wochen mal wieder all unsere Mails beantwortet, Administrationskram erledigt und Weblogs von anderen Reisenden gelesen. Beim Griechenlandbericht von den Schweizern Martin & Carmen las ich über die Insel Samothraki. Nach kurzer Suche wo die eigentlich liegt, kam ich dahinter, dass es prompt um die Insel gegenüber uns ging, und wir sie also schon seit Tagen in unserem Blickfeld hatten.

Also fuhren wir am nächsten Tag mit der Fähre rüber, ohne allzu grosse Erwartungen mit bloss dem Plan, schön in der Natur zu campieren. Naja, auch wenn wir auf dem Campingplatz hätten übernachten wollen, wäre das nicht gegangen, weil der noch gar nicht offen war. Also kamen wir zum idealen Zeitpunkt an: grad knapp vor der Sommersaison, wo es bereits schönes Wetter ist und man dennoch überall ungestört campieren kann, ohne dass einem die Polizei Schwierigkeiten macht. Dementsprechend haben wir verschiedene Übernachtungsplätze auf dieser wunderschönen und kleinen (12 x 25km) Insel ausprobiert, und sind dabei auf etwa 95% aller Strassen gefahren. Als wir auf der Suche nach dem 4. Übernachtungsort waren, tauchte plötzlich ein Mann aus dem Wald auf und bedeutete uns, wir sollen mit ihm mitkommen. Mit Händen und Füssen, denn er sprach nur Griechisch und wir nicht.

Kyriagos, oder Mister Special, wie wir in später nannten, schien schon länger im Wald zu leben. Vielleicht schon ein paar Monate oder vielleicht gar ein paar Jahre. Schwierig zu sagen. Ein ganzes Imperium hatte er sich da aufgebaut. Naja, das ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber man konnte echt sehen, dass er sich da gut eingerichtet hatte in dem Wald am Meer. Zelt, Hängematte, Feuerstelle, Korb mit allerlei Kräutern und Sossen, eine Duschvorrichtung, einen Tisch und ein paar Stühle. Und dann das Essen! Kaum sassen wir auf einem Stuhl, bot er uns allerlei Leckereien an. Einfach so! Und wie er sich drüber freute, als er sah, dass es uns schmeckte. Der Höhepunkt waren die riesigen eingelegten Feigen als Dessert. Es war das reinste Fest der Geschmäcker in unserem Mund. Er zeigte uns, dass er eine ganze Menge Töpfe davon hatte. Wir vermuten alles selbst gemacht. (Beim Abschied hat er uns übrigens einen Topf mitgegeben. Also wer neugierig ist, wie diese Feigen schmecken, soll sich doch melden solange der Vorrat reicht). 😉

Wie bei allen neuen Leuten, die wir auf dieser Reise treffen, achten wir uns auf unser Gefühl. Kann man der Person vertrauen oder nicht? Unser Instinkt sagte uns recht schnell, der Typ benimmt sich zwar etwas schräg, aber im Grunde ist er ein guter Mensch. Und so beschossen wir, unser Auto neben seinem Ort/Gebiet/Zone zu stellen und da zu übernachten. Aus zwei Nächten wurden bald vier. Und schlussendlich haben wir da eine ganze Woche gestanden, bei dem wilden Kerl, und hatten riesen Spass mit ihm. Wir konnten zwar kaum mit ihm kommunizieren, aber das war irgendwie auch grad wieder witzig an der Sache.

Am zweiten Tag nahm Kyriagos uns mit auf eine Wanderung, um bei schönen Wasserfällen zu schwimmen. Ohne jegliche Scham zog er immer wie mehr Kleider aus, brüllte laut rüber zu anderen Menschen und Tieren, und schlussendlich stand er pudelnackt auf einer meterhohen Klippe und sprang ins eiskalte Wasser. Wandernde Touristen, denen wir unterwegs begegneten, schauten etwas verwundert zu ihm und uns. Aber da Samothraki durch viele Hippies besucht wird, fanden sie es auch wieder nicht allzu schockierend. Anschliessend zeigte er uns die lokale ‚hot spring sauna‘. Ein süsses Häuschen mit einem Bad voller speziellem warmem Wasser aus dem Berg (mit u.a. Schwefel), wo man gratis rein kann. Später erzählte man uns, dass da im Sommer duzende Leute beim Häuschen sitzen und warten, bis sie an der Reihe sind, um sich ins Bad zu setzen. Aber als wir da waren, waren wir die einzigen. Also fühlte sich alles sehr ‚special‘ an, kann ich euch sagen.

Tja, und so ging die Zeit vorbei wie im Fluge mit noch mehr herrlichem Essen (z.B. durch Kyriagos selbst zubereitete frische Tintenfische), Barbecues, noch mehr Hippies, Lagerfeuer und so weiter. Herrlich! Uns fiel übrigens auf, dass indem wir recht locker und unbeeindruckt auf das Gebrüll und wilde Getue von Kyriagos reagierten, er immer wie ruhiger wurden und auch – jedenfalls wenn nur wir zwei anwesend waren – nicht mehr so versuchte, aufzufallen. Und beim Abschied wurde fest geknuddelt, denn viele Worte konnten wir nicht austauschen. Wir hoffen beide, ihn wieder zu sehen, wenn wir nach Samothraki zurückkehren. Und hoffentlich sprechen wir dann etwas besser Griechisch oder haben einen Übersetzer dabei, damit wir doch noch dahinter kommen können, weshalb er denn auf dieser Insel gelandet ist.

Als wir Samothraki verliessen, fuhren wir weiter nach Athen. Einen grösseren Unterschied kann man innerhalb von Griechenland nicht haben! (Auf Samothraki leben etwa 1300 Leute, in Athen 5 Millionen.) Ziel: Electra besuchen! Sie hat nach fast 7 Jahren in Groningen entschieden wieder zurück zu ziehen in ihre Heimatstadt. Also haben wir nebst ein bisschen Sightseeing (also wirklich nur ein kleines bisschen) vor allem viel Zeit mit ihr und ihrem Freund Vasillis verbracht. Und auch hier haben wir wieder eine sehr entspannte Zeit erlebt. Es war eine besondere Woche mit vielen griechischen Kaffeefrappés, Gesprächen über DIE Krise, Anekdoten von unsere Reise und vor allem: einem vertrauten Gefühl, dass man nun mal hat bei guten Freunden.

Und so verliessen wir nach 4 Wochen Griechenland, und machten uns auf den Rückweg. Zwei Routen hatten wir grob zur Auswahl: rechts oder links am Adriatischen Meer entlang. Aber der Entscheid war schnell gefasst. Denn wenn wir über Albanien & co. gefahren wären, hätten wir die EU wieder verlassen, und hätten unsere Pässe wieder zeigen müssen. Und dazu hatten wir beide diesmal überhaaaaaaaupt keine Lust mehr. Was das angeht, reicht uns das Reisen vorläufig. Naja, nur ganz kurz wahrscheinlich. Also beschlossen wir, ein Boot nach Süditalien zu nehmen und dann langsam gen Norden zu fahren. So verbrachten wir wie letzte Nacht ein bisschen schaukelnd zwischen Griechenland und Italien auf dem Wasser, an Deck der Fähre zwischen zwei Wohnmobilen. Auch für Meopar war das unvergesslich!

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